Rebell Boy!

Es ist wieder soweit: Am 13. Oktober 2017 startet das „Theater der Dinge“ in der SCHAUBUDE BERLIN!

In diesem Jahr widmet sich das internationale fünftägige Festival des zeitgenössischen Figuren- und Objekttheaters vom 13. bis zum 17. Oktober dem Verhältnis von Rebellion und Puppenspiel. Eine Wechselbeziehung, die dem Genre durch seinen Urahn Kasper immer schon eingeschrieben war – nur dass man das im 20. Jahrhundert weitestgehend vergessen hatte.

Bevor sich die lustige Figur aber im Kindertheater wiederfand und ihrem Publikum die Verkehrserziehung nahebringen sollte, war der Kasper ein anarchischer Draufgänger, der mit seiner Pritsche auf die Köpfe der Machthabenden einschlug. Was aus dieser Volkstheatertradition, die durch eine satirisch-grobe Punk-Attitüde den direkten Bezug zu tagespolitischen Verhältnissen und einer starken Kommunikation zwischen Bühne und Publikum lebte, geworden ist, zeigen die eingeladenen Produktionen und Premieren: Mal laut und protestierend, mal leise und persönlich.

Zur Eröffnung steht entsprechend auch die Festival-Eigenproduktion „Kasper unser“ auf dem Programm. Hier versucht ein Kasper, alt und fett geworden, ans Jahr 2017 Anschluss zu gewinnen. Er kämpft mit seinen Kollegen, seiner Lethargie und mit der Straßenverkehrsordnung. Die Puppenspieler*innen Anna Menzel und Hans-Jochen Menzel entwickeln gemeinsam mit der Regisseurin Astrid Griesbach diese aktuelle Kasperbefragung, die übers Festival hinaus im Spielplan der Schaubude Berlin zu sehen sein wird.

Am Samstag und am Montag gibt es jeweils einen abendlichen Programmreigen aus Inszenierung, Konzert und Intervention, der die unterschiedlichen Facetten des Themas widerspiegelt.
Mit dabei: Ein Kasper, der sich fragt, welche „Macht die Mütze“ auf ihn ausübt, „Pinhas!“, der erste israelische Kasper, ein „Algorithmen-Kasper 2.017“. Oder der slowenische Puppenspieler Matija Solce, der mit ein paar Knochen und einem Stofftier-Panda das anarchistische Spektakel „Happy Bones“ veranstaltet. Als musikalische Gäste begrüßt das Festival das Ensemble Polýnushka, das sich auf russische und ukrainische Traditionsmusik spezialisiert hat, sowie den Pianisten Kai Schumacher, der zum Festivalthema ein Konzert geben wird.

Geographisch blickt das Festival in diesem Jahr nach Osteuropa und in den Nahen Osten – in Regionen, die sich politisch in Auf- und Umbruchssituationen befinden. So inszeniert das tschechische Divadlo Líšeň in einem Militärzelt mit einem Matrjoschka-Ensemble das „Russische Tagebuch“ der 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkovskaja. Die Autorin schildert ihre Sicht und Recherchen zur russischen Innenpolitik in der Zeit zwischen Dezember 2003 und September 2005. Das Tagebuch und die Inszenierung richten den Blick auf die international stark rezipierten Geschehnisse im Moskauer Theater an der Dubrowka, in Beslan und in Tschetschenien und befragen zugleich die demokratischen Strömungen in der russischen Bevölkerung.

Eine arabische Perspektive auf die aktuellen Fluchtbewegungen nimmt wiederum die Arab Puppet Theatre Foundation aus Beirut ein, die in „Performance Desperately in Need of an Audience“ eine Geschichte zwischen der Bitterkeit des Exils und dem menschlichen Bedürfnis nach Zerstreuung erzählt - an einem Ort im Krisengebiet, an dem alltägliche Handlungen lebensgefährlich geworden sind. Eine stille Performance mit einer einfach gehaltenen, gleichermaßen kindlich wie rauen Ästhetik und einem energetisch, körperbetontem Spiel.

Begleitet wird das Festival in diesem Jahr von einem umfangreichen Begegnungsprogramm, für dessen Entwicklung die freischaffende Künstlerin Sandy Schwermer in die Festivalleitung eingeladen wurde. Mit Workshops, einem Festivalfrühstück und Gesprächen wird Raum für Begegnungen und Diskussionen geschaffen. Zusätzlich bietet „Tutti. Rebell Delivery“ eine Intervention am 14. Oktober 2017, in der unterschiedliche künstlerische Produktionsweisen wie ein Kaleidoskop im gesamten Saal der Schaubude Berlin aufgefächert werden. Zu Gast sind u.a. Sam Kerson und Katah vom Dragon Dance Theatre aus Quebec, das mit Großpuppen und Masken in der Tradition des politischen Protesttheaters arbeitet.

Weitere Informationen und der gesammte Festivalspielplan unter
www.schaubude.berlin. Das Festival wird gefördert von: Berliner Kultursenat.
Das Festival wird unterstützt von: Rosa-Luxemburg-Stiftung und Freundeskreis Schaubude Berlin.
Medienpartner des Festivals sind: taz, Berliner Fenster, ZITTY, nachtkritik.

Der Autor Tim Sandweg ist künstlerischer Leiter der Schaubude Berlin.

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