Behind The Doors:

Dr. Bjoern Weigel im Gespräch

Unsere Serie Behind the Doors geht weiter! In den Räumen von Kulturprojekte Berlin im Podewil ist immer was los. Hier wird das ganze Jahr über an Veranstaltungen wie Berlin Art Week und Lange Nacht der Museen, Ausstellungen, Magazinen, Onlineportalen und Themenjahren gearbeitet. Kulturprojekte ist Anlaufstelle für Beratung, Bildung, Vermittlung und Förderung und bringt verschiedene Akteure aus der Kulturlandschaft zusammen, um einen stadtweiten Austausch zu ermöglichen. Zahlreiche Mitarbeiter*innen arbeiten hier mit unermüdlichem Einsatz daran, Berlins aufregende kulturelle Vielfalt und ihre Geschichte sichtbar zu machen. Und genau diese Menschen möchten wir Euch vorstellen. Für den Blog klopfen wir an die vielen bunten Türen im Podewil und schauen, wer dahinter sitzt und woran dort gerade gearbeitet wird.

Und dieses Mal haben wir Bjoern Weigel, unseren wissenschaftlichen Mitarbeiter für Ausstellungen und Veranstaltungen, besucht und ihn gefragt, was hinter seiner Tür passiert, und woran er gerade arbeitet – ganz aktuell und unter Hochdruck am Projekt „75 Jahre Kriegsende – Befreiung Europas vom Nationalsozialismus“, was ab dem 2. Mai startet. Und auch wenn es im Podewil gerade ruhiger als sonst zugeht, da die meisten Kolleg*innen im Home-Office sind, haben wir uns sehr gefreut, dass wir (natürlich mit gebotenem Abstand) mit Bjoern über seine Arbeit sprechen konnten. Aber lest selbst! Habt viel Vergnügen dabei und bleibt gesund!

Was passiert denn hinter deiner Tür, woran arbeitest du?

Hinter meiner Tür passiert das Ideen-Sammeln, Konzepte-Entwerfen für alle möglichen Ausstellungen, Open-Air-Projekte, wenn sie einen historischen Bezug haben. Das passiert hinter meiner Tür - ganz grob gesagt.

Wie lange arbeitest du eigentlich schon für Kulturprojekte Berlin? Und was hast du vorher gemacht?

Seit fast 9 Jahren arbeite ich inzwischen hier, ja tatsächlich seit 2011! Und ja klar habe ich vorher etwas anderes gemacht, ich bin ja Historiker und war vorher unter anderem an der Humboldt-Universität und am Zentrum für Antisemitismusforschung tätig. Im Zuge des Projekts „Zerstörte Vielfalt“ bin ich dann zu Kulturprojekte gekommen.

War es eine bewusste oder vielleicht sogar eine schwere Entscheidung, Dich beruflich eher hin zum Populären zu orientieren und weg vom klassischen Wissenschaftsbetrieb? Oder siehst du das gar nicht als „das eine und das andere“?

Ich sehe das nicht so dichotomisch. Das, was wir hier machen, ist ja Populärwissenschaft im besten Sinne. Wir vermitteln Inhalte populär, aber auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und des neuesten Forschungsstandes. Im Uni-Betrieb ging es natürlich allein um die Forschung, aber die Erkenntnisse, die dort gewonnen werden, müssen wir – das ist unsere Aufgabe– so verpacken, dass sie auf der Straße funktionieren und von einem großen Publikum wahrgenommen werden. Und ganz ehrlich, ich war 5 Minuten bei Kulturprojekte und wusste, ich kann auf gar keinen Fall zur Uni zurückgehen. Und seitdem bin ich hiergeblieben!

Bjoern, wir nennen Dich liebevoll unseren „Haushistoriker“. Du bist für die Themensetzung verantwortlich: Im Allgemeinen, welche Projekte machen wir; aber auch konkret in den Projekten, welchen Fokus setzen wir innerhalb der Projekte. Du bist gleichzeitig für die korrekte Aufbereitung zuständig und für die Vermittlung der oft sehr komplexen Themen. Was sind dabei die Herausforderungen? Was ist kompliziert, was aber auch besonders spannend?

Die erste Herausforderung, und zugleich die Spannendste, liegt darin, wie vermittelt man das ganze Projekt? Welches Narrativ kann man setzen? Wie kann man eine Geschichte, die unter Umständen jeder kennt – beispielsweise, wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht – wie kann man die neu und interessant erzählen? Wie kann ein Mehrwert für die Stadt entstehen, aber ohne dabei ein Geschichtsbuch in den öffentlichen Raum zu stellen? Und ganz wichtig: Welches Format eignet sich für welchen Anlass? Wie erreicht man eine würdige Erinnerung, wie geht man würdig mit den Opfern um und findet trotzdem Formate und interessante Geschichten, die noch nicht jeder gehört hat, und die die Leute erstmal anziehen.

Okay! Dann sind wir auch schon bei unserem aktuellen Projekt, „75 Jahre Kriegsende – Befreiung Europas vom Nationalsozialismus“. Erzähl doch mal, was können wir erwarten, auf was können wir uns freuen? Können wir uns denn überhaupt noch freuen? Auch das ist ja eine Frage, die uns bei dem Projekt umtreibt, vor allem mit Blick auf die rechtsnationalen Tendenzen in unserem Land.

Ja, auf jeden Fall beschäftigt uns die Frage bei dem Projekt - auch rein semantisch. Das Land Berlin hat den 8. Mai einmalig zu einem Feiertag erklärt. Also ist natürlich unser Job, erst einmal zu überlegen, was feiern wir denn da eigentlich? Was gibt es denn am 8. Mai zu feiern? Da kommt man als erstes auf den Gedanken: Mensch, in Berlin ist der Krieg ja schon am 2. Mai vorbei, jetzt dauert es noch ein paar Tage, bis die Wehrmacht kapituliert. Wie geht man damit um, also wie füllt man das mit Leben?

Und dann müssen wir überlegen, was braucht so ein Projekt? Klar, wir machen eine digitale Ausstellung, eine Web-Experience, aber mit der Ereignisgeschichte des Kriegsendes ist es ja nicht getan. Sondern, wir wollen auch mit bestimmten Aspekten ins Heute verweisen. Daher haben wir die Ausstellung „Nach Berlin“ genannt. Der Titel hat sowohl eine geografische Ebene – die sowjetische Armee kommt nach Berlin – als auch eine temporale Ebene – was passiert eigentlich nach Berlin, in dem Moment, wo praktisch die Wehrmacht erst sechs Tage später kapituliert? Danach passieren Ereignisse, wie die Potsdamer Konferenz, die Neuaufteilung Europas, der Wiederaufbau usw. Das ist der erste Strang.

Der zweite Strang, den wir uns überlegt haben: Auf welche thematischen Schwerpunkte können wir eigentlich kommen, um nicht nur beim Kriegsende als Ereignisgeschichte zu bleiben. Dadurch, dass der 8. Mai ein Feiertag ist, ploppt automatisch die Diskussion um das Wort „Befreiung“ auf. Wer wurde eigentlich durch wen und wovon befreit? Ohne dabei aber ein Opfer-Narrativ zu bedienen und zu sagen: „Juhu, wir wurden von Hitler befreit!“. Genau, das stimmt nämlich nicht, denn das Regime hat ja nur so lange funktioniert, weil eben genug Menschen es ermöglicht und mitgemacht haben. Bei den ehemaligen Alliierten ist übrigens auch nie von Befreiung die Rede. Also es geht nie darum, die Deutschen zu befreien, sondern Lagerinsassen zu befreien, die Terrorherrschaft zu beenden und Europa vom Nationalsozialismus zu befreien, aber bestimmt nicht Deutschland.

Dann zeigen sich natürlich Brüche und Kontinuitäten. Am 8. Mai 1945 ist das Dritte Reich over, vorbei, verschwunden. Aber welche gesellschaftlichen Einstellungen haben den Nationalsozialismus denn überhaupt ermöglicht, welche konkrete Herrschaftspraxis ist daraus erwachsen, die dann zu Krieg, Holocaust und vielen anderen Verbrechen führte? 

Wenn wir virtuell rund ums Brandenburger Tor eine digitale Ausstellung machen, sind wir an lauter symbolischen Orten. Der Holocaust hat nicht am Holocaust-Denkmal stattgefunden und der Zweite Weltkrieg wurde nicht im Reichstag gewonnen. Und trotzdem stehen diese Orte symbolisch sowohl für die verbrecherische Seite des NS wie auch den Sieg der Sowjetarmee über Hitler-Deutschland. Und wenn wir digital an diese Symbolorte gehen, erzählen wir schon keine Ortsgeschichte des Kriegsendes mehr, sondern wir erzählen etwas über unsere Gesellschaft heute, die sich auch baulich die Erinnerung und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nach Berlin geholt hat und zwar ins Zentrum der Stadt.

Und wie sieht das Ganze konkret aus, jetzt wo wir ins Digitale gehen?

Open-Air-Veranstaltungen sind im Beliebtheitsgrad seit Mitte März drastisch gesunken und daher gehen wir dieses Mal nicht auf die Straße, sondern wie ich schon gerade angedeutet habe, zu den Menschen nach Hause. Die Web-Experience lädt die Besucher*innen zu einer Reise in den Frühling 1945 ein, und zieht sie an bestimmten Orten in 360-Grad-Panoramen hinein, um dort mit historischen Cut-Outs konfrontiert zu werden, die Geschichten erzählen. Und zwar nicht Geschichten erzählen im Sinne „ja ich klicke hier drauf und da erscheint ein Text und dann muss ich erstmal lange lesen“, sondern Geschichten erzählen im Sinne von: auf einer Z-Achse, das heißt in die Tiefe gescrollt, bestimmte Inhalte vermitteln. Diese Inhalte werden eingesprochen, unterlegt mit Bildern, teilweise mit Film, sodass an den Orten komplette Geschichten erzählt werden, die weiterhin unsere vier wichtigsten Säulen der Ausstellung, nämlich die Ereignisgeschichte des Kriegsendes zu erzählen, über Brüche und Kontinuitäten reden, das Thema Befreiung diskutieren, und natürlich vor Allem den politisch-symbolischen Gehalt des Ganzen für uns heute in den Vordergrund stellen. Gerade diese Ebene ist jetzt im digitalen Raum viel, viel wichtiger geworden, als sie noch vor Ort gewesen wäre, weil vor Ort waren wir an den Symbolen, in der Web-Experience ist jede*r erstmal zu Hause. Das heißt, dieser Gehalt muss vermittelt werden, und genau das wird die Web-Experience auf ganz wunderbare Weise schaffen.

Sonst gehen wir auf die Straße und jetzt gehen wir zu den Menschen nach Hause, wie du gerade schon sagtest. Aber wie erfahren denn die Menschen, dass wir jetzt in ihrem Wohnzimmer sind, also was gibt es für weitere digitale Angebote, die die Web-Experience begleiten und kommunizieren?

Genau das ist die größte Schwierigkeit, wie kommt man zu den Menschen! Wenn man Open-Air am Brandenburger Tor ist, sind die Leute automatisch da; ja zu Hause sind sie auch automatisch, aber wissen nicht automatisch von unserem Projekt. Daher haben wir weitere digitale Erlebnisse, unter anderem eine Augmented Reality App und eine ganz tolle Podcastreihe gemacht. Zusätzlich begleiten wir mit einer Kommunikationskampagne, wie einer Zeitungsbeilage und klassischen Plakaten unser Projekt – und hoffen, dass ganz viele Menschen sich mit diesem so wichtigen Thema auseinandersetzen und keine Scheu vor der Schwere haben. Wir würden uns sehr darüber freuen!

Dann noch eine ganz banale und letzte Frage: Wenn du schon seit fast neun Jahren hier bist, dann hast du ja auch schon viel Zeit im Podewil verbracht, unserem schönen Zuhause. Verbindest du etwas mit dem Haus, vielleicht sogar mit seiner historischen Geschichte, und was ist dein Lieblingsort? Hast du einen?

Also mein Lieblingsort im Podewil ist wirklich, wenn es warm ist, draußen unter der Pergola, wo dann alles bewachsen ist. Das ist schon so ein Lieblingsort, aber ich glaube, ich verbinde das Haus eher nicht mit Lieblingsorten, sondern mit so einer bestimmten Atmosphäre, oder bestimmten Dingen, die ich hier einfach wahnsinnig gerne mache. Und das ist nach neun Jahren völlig ungebrochen in der Hinsicht; es wird ein großes Vertrauen in die eigene Arbeit gesetzt, wir können wahnsinnig viel selber gestalten - und man hat echt an allen Stellen mit Profis bei uns zu tun. Hier die Grafik, die eine Idee zum Leben erweckt, dort die Administration, die alles auf ein finanzielles Gerüst stellt, da die Marketingabteilung, die die Idee zu den Menschen bringt und wiederum die Kommunikationsabteilung, die es an die Medien bringt. Es sind eben immer Projekte von vielen, für alle. Alleine würde man das nie schaffen. Also kurz gesagt: es ist eine tolle Atmosphäre bei uns und dass es so gut ineinandergreift, das ist das, was mir hier am meisten Spaß macht!

Wenn ihr mehr zum Projekt 75 Jahre Kriegsende wissen wollt, dann schaut ab dem 2. Mai unter www.75jahrekriegsende.berlin vorbei. Dort könnt ihr die Web-Experience erleben und erfahrt alles zur App, dem Podcast und allem Weiteren zum Projekt.

Das Gespräch führte Susanne Galle. Mitarbeit: Charlotte Kuke

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