Die Zukunft ist groß

Die Digitalisierung krempelt Kunst und Kulturproduktion komplett um. Wir haben dazu ein neues Printmagazin herausgebracht. Klar ist: Nichts bleibt so, wie es war. Vor der Zukunft brauchen wir uns nicht zu fürchten.

Ein Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, tanzt auf der Stelle, auf ihrer Nase klemmt eine VR-Brille, die größer ist als ihr Kopf. Sie lächelt, Zähne hat sie kaum mehr (oder noch keine neuen), macht aber nichts, VR geht auch ohne. An einer anderen Stelle macht eine Maschine, die sogenannte dadamaschine, aus Nägeln und Sperrholz krachenden Sound, in einer anderen Ecke läuft das Stück „Uncanny Valley“ des Theaterkollektivs Rimini Protokoll: Hier sitzt ein humanoider Roboter in Gestalt des Schriftstellers Thomas Melle auf der Bühne und spricht mit dessen Stimme zum Publikum. Beide ähneln sich bis auf die Poren. Beide sprechen mit gleicher Stimme. Eine unheimliche Begegnung? Vielleicht. Vielleicht aber auch mehr Wirklichkeit als wir in Zukunft vertragen können.

So war das am 18. September in den Hallen des Podewils: Wir haben eingeladen. Denn wir haben ein „erstes“ digitales Printmagazin für die Kultursektoren herausgebracht. „Digital“, weil nicht nur das Wichtigste zur Digitalisierung für die Kultursektoren auf knapp 100 Seiten gedruckt zum Durchblättern wie in alten Zeiten verfügbar ist. „Digital“, weil man das Doppelte an Material noch mal im Netz über eine kostenfreie App (Bowerbird) zur Verfügung hat: Über 40 Beiträge sind entstanden. Über 25 Autoren haben am neuen Magazin mitgewirkt. Darunter sind namhafte Autoren vertreten von Sozialphilosoph Harald Welzer über Kirsten Niehuus (Geschäftsführerin des Medienboard Berlin-Brandenburg) bis hin zu Kristoffer Gansing (Leiter transmediale), Marte Hentschel (CEO Sourcebook) und zahlreichen Berliner Netzwerkern und Forschern. Am 18. September haben wir das Magazin einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Die Autoren waren selbst vor Ort und haben sich und ihre Projekte präsentiert – jetzt ist das Heft verfügbar.

Um was geht es? Um die wichtigsten Trends, Neurungen und Ansätze aus den verschiedenen Kultursektoren. Denn klar ist: Die Digitalisierung stellt den Kunst- und Kulturbetrieb völlig auf den Kopf. Sie schafft neue Zugänge. Sie ermöglicht neue Finanzierungsformen. Sie bringt neue Abhängigkeiten durch Monopolstellungen von Großkonzernen – sie verändert Kunst, Kulturproduktion und die Zukunft von Arbeit insgesamt. Schon jetzt werden beispielsweise 50 Prozent aller Erlöse der Musikindustrie digital erwirtschaftet. Schon jetzt machen Roboter den neuen Sound: „Hello World“ von Skygge aka Benoit Carré ist zum Beispiel das erste KI-produzierte Popalbum der Musikgeschichte – klingt gut, ist sogar tanzbar. Auch die Modewirtschaft oder der Literaturbetrieb verändern sich durch die Digitalisierung rundum: Im Bereich der Mode wird die Nachfrage nach kurzen Lieferzeiten und individualisierten Produkten weiter zunehmen. Das dynamische Wachstum des Online-Handels wird den stationären Handel zusehends ablösen – sehr zum Ärgernis vieler kleiner Labels, die vor Ort produzieren und verkaufen. Zugleich können wir wie nie zuvor in der Geschichte ökologische Standards mit neuesten Technologien verbinden – darüber schreiben in dieser Ausgabe Marte Hentschel (Modenetzwerk Sourcebook) und Thomas Gnahm (CEO Wear It Berlin). Auch der Literaturbetrieb, über Jahre analog verteidigt, das Metier zum Vertiefen fern von digital durchdrungener Wirklichkeit, wird sich rundum erneuern (müssen). Zwar wird in Zukunft das allzeit geliebte Buch noch immer in den Regalen stehen: 2017 wurden in Deutschland über 82.000 Buchtitel veröffentlicht. Und das seit Jahren gehandelte E-Book hat das physische Buch immer noch nicht ersetzt – sein Umsatzanteil am Buchmarkt bleibt bei konstanten fünf Prozent. Aber auch im Literaturbetrieb wird der Onlinehandel den stationären Handel zusehends ablösen. Was bedeutet das für Autoren und Verlage? Wir haben dazu drei Berliner Verlage in dieser Ausgabe besucht: Wie geht’s weiter mit euch? Publiziert ihr noch oder sterbt ihr schon? 

Ja, sie leben noch. So wie der gesamte Kulturbetrieb. So wie dieses Magazin, das ab sofort für euch verfügbar ist: Wir stellen euch die neuesten Entwicklungen vor. Wir präsentieren zentrale Erfindungen, darunter sogar den ersten Berliner KI-Comic. Wir fragen: Ist Blockchain die Rettung? Kann VR-Kunst den Kunstmarkt demokratisieren? Und welche Förder- und Finanzierungswege gibt es für euch? Gebündelt werden Fakten und Trends. Diskutiert werden neue Arbeitsformen der digital-solidarischen Teilhabe und wir besuchen neue Örtlichkeiten in Berlin, wo das Digitale erst entsteht. Denn fest steht: Kein Roboter wird den Künstler in Zukunft ersetzen. Die Roboter fangen aber jetzt schon an zu tanzen. Sogenanntes Common-Sense-Wissen, zu diesem Ergebnis kommt KI-Forscher Andreas Sudmann abschließend in dieser Ausgabe, bleibt aber auch in Zukunft eine Domäne des Menschen – wenn wir nicht alles komplett aus der Hand geben.

Der Autor des Blogbeitrags ist Jens Thomas, Chefredakteur des neuen CCB Magazins.

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Das Magazin ist ab sofort bei Kulturprojekte Berlin im Podewil zu haben.
Es kann aber auch hier eingesehen werden.

Auch das Online-Magazin auf Creative City Berlin, das CCB Magazin, wurde im Zuge der Magazinproduktion neu gestaltet – mit neuen Kategorien, Filterfunktionen und optisch auf Bombe getrimmt. Schaut es euch an.

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