EMOP Berlin 2020:

Ein Monat Fotografie

Die Werke von über 500 Fotograf*innen. 31 Tage vom 1. bis zum 31. Oktober 2020. Ein Schwerpunkt namens „Europa – Identität, Krise, Zukunft“: Das ist das größte Fotofestival Deutschlands, der EMOP Berlin – European Month of Photography mit über 100 Ausstellungsorten in ganz Berlin. Unsere Autorin hat im Vorfeld fünf von ihnen für Euch besucht.

Vor den Kulturgenuss hat das Jahr 2020 das Hygienekonzept gesetzt. Das wird ernst genommen, mit Recht. Über Wochen war im Frühjahr völlig unklar, ob die neunte Ausgabe des größten Fotofestivals Deutschlands im Jahr der Corona-Pandemie überhaupt stattfinden könne. Doch Absagen kam für kaum einen der Beteiligten infrage. Im Mai stand dann fest: Wir machen das, wie geplant, vom 1. bis 31. Oktober. Mit über 100 Ausstellungen in Museen, Galerien, Botschaften und Off-Spaces. Mit Werken von über 500 Fotograf*innen. Aber eben auch: mit Abstand, Masken und Handdesinfektion.

Als Tomanova 2010 in die USA auswanderte, habe sie die Fotografie als Möglichkeit entdeckt, mit Menschen in Kontakt zu kommen, erzählt sie. An den Wänden hängen großformatige Porträts der Serie Young Americans, die seitdem fortlaufend entstehen: Selbstbewusste New Yorker*innen, zu deren demonstrativem Individualismus auch gehört, dass ihre aufgeschürften Ellbogen zu sehen sind oder das Lipgloss auf Halbmast hängt. Posen geht in NYC trotz fettigem Haaransatz.

Auch die Fotos der anderen drei präsentierten Fotografinnen nutzen die Technik des Lightpaintings und spielen mit Licht, Farben, aber eben auch Dunkelheit. Für Menschen mit einer Seebehinderung stehen für den Besuch der Ausstellung Bildbeschreiber*innen bereit. Sehende können derweil mit unterschiedlichen Brillen selbst erfahren, wie die Ausstellung mit wenig oder ohne Augenlicht wirkt.

Einen kleinen Treppenaufstieg bis unter das Dach später (keine Sorge, es gibt auch einen Aufzug) wartet ein weiteres Italien-Klischee: die Mafia. Die berühmteste Fotografin des Landes, Letizia Battaglia, hat über Jahre ermordete Opfer, ihre Hinterbliebenen und spätere Prozesse mit der Kamera festgehalten. In den hellen Räumen hängen die Fotos, neu kuratiert für hier und jetzt. Und beweisen, dass es kleine Formate in schwarz-weiß in sich haben können: Ein lebloser Körper wird aus einem Auto gezogen. Ein toter Mann im Trenchcoat sitzt noch am Steuer, ein Rinnsal Blut fließt aus dem geöffneten Mund. Eine alte Dame muss, zusammengebrochen, von helfenden Händen von einem Leichnam weggezogen werden.

Nächster Halt: … und noch viel mehr!

Alle Treppen wieder runter, raus aus dem Gebäude – und nun darf erstmals die Maske ab. Die Schnupper-Tour ist um, doch für den EMOP Berlin geht es erst richtig los. Schließlich waren das nur fünf Ausstellungen aus über 100. Den ganzen Oktober ist nun Zeit, die Fotos aus dem Paris der 1980-er Jahre von Roger Melis in der Galerie argus fotokunst zu sehen. Oder die aus den USA der 1970-ern und 1980-ern von Evelyn Hofer, Sheila Metzner, Joel Meyerowitz und Helmut Newton in der Helmut-Newton-Stiftung. Oder die Gruppenausstellung Masculinities: Liberation through Photography im Martin-Gropius-Bau.

Oder, oder, oder: Eine Übersicht über die ganze Vielfalt mit über den 100 Ausstellungen sowie einem umfangreichen Begleitprogramm mit zahlreichen Veranstaltungen wie Kurator*innenführungen und Filmprogramm findet sich auf der Website emop-berlin.eu. Dort stehen auch alle wichtigen Informationen wie Öffnungszeiten, Eintrittspreise oder ob eine Anmeldung im Vorfeld nötig ist.

Die besuchten Ausstellungen

Live for the Weather / Marie Tomanova
Tschechisches Zentrum Berlin
Wilhelmstraße 44
25.09. bis 14.11.2020, Di-Sa 14-18 h
Eintritt frei, Zutritt nur nach Voranmeldung online

Stageless / Sven Marquardt
Friedrichstadt-Palast Berlin
Friedrichstraße 107
02.10. bis 29.11.2020, Mo-So 11-20 h
Eintritt frei, Zeittickets online buchbar, Restkarten vor Ort

Blinde Fotograf*innen
f3 – Freiraum für Fotografie
Waldemarstraße 17
03.10.2020 bis 17.01.2021, Mi-So 13-19 h
Eintritt 5 Euro, Zeittickets online buchbar

The Independent Photographer. Best of the Year 2019–2020
CLB Berlin
Prinzenstraße 84
01.10. bis 11.10.2020, Mo–So 12-20 h
Eintritt frei

Palermo und der Kampf gegen die Mafia / Letizia Battaglia
Italienisches Kulturinstitut Berlin
Hildebrandstraße 2
24.09.2020 bis 31.03.2021
Mo-Fr 10-18 h,
Eintritt frei, Zutritt nur noch Voranmeldung online

 

Text: Juliane Wiedemeier

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