Das Interview mit dem Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt Forums, Neil MacGregor, ist exklusiv in der aktuellen Ausgabe des MuseumsJournals erschienen. Lesen Sie dort auch die Interviews, die die Redaktion mit den zwei weiteren Mitgliedern der Gründungsintendanz führte, Hermann Parzinger und Horst Bredekamp. Die Interviews sind Auftakt einer Reihe im MuseumsJournal, die das Werden des Humboldt Forums bis zu seiner Eröffnung aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln begleiten wird. Hier können Sie Einzelausgaben bestellen oder ein Abonnement abschließen.

Was soll das Humboldt Forum für das Publikum leisten?

Die Welt als ein Ganzes verständlich machen.

Gründungsintendant Neil MacGregor erklärt im Gespräch mit dem MuseumsJournal, warum er freien Eintritt für die Daueraustellungen und die Vermittlung aus einer Hand empfiehlt.

MuseumsJournal: Herr MacGregor, Sie haben auf der Pressekonferenz im November Ihre Visionen für das Humboldt Forum vorgestellt und sehr humorvoll das schöne deutsche Wort »Gründungsintendant« erklärt, als jemand, der Vorschläge macht. Ist ein Intendant nicht jemand, der entscheidet?

Neil MacGregor: Meine Tätigkeit ist auch nicht die eines Intendanten, das Wort ist falsch. Es geht um eine Intendanz – eine Intendanz, weil es bislang keine Struktur gibt, in der entschieden werden könnte. Eine unserer Pflichten ist es, Vorschläge zu einer endgültigen Struktur für die Leitung des Hauses zu machen. Es geht auch nicht um eine Vision, es geht um die Funktion des Hauses. Was soll das Humboldt Forum für das Publikum leisten? Da­raus ergeben sich alle späteren Entscheidungen. Ich bin mit Hermann Parzinger und Horst Bredekamp Teil einer Gründungsintendanz. Wir wurden von der Staatsministerin Monika Grütters berufen, um gemeinsam Vorschläge zur inhaltlichen und funktionellen Gestaltung des Hauses zu machen. Das kann natürlich nur im Gespräch mit den vielen anderen Partnern und Akteuren abgestimmt werden.

MJ: Sie werden als Intendanz der Politik oder der Stiftung also weiterhin Vorschläge machen, und es ist am Ende aber an der Politik zu entscheiden, ob diese umgesetzt werden?

NM: Was die Struktur anbelangt, ist es so. Thema und Inhalt der Ausstellungen können wir ­entscheiden. Bis es einen richtigen Intendanten gibt, sind wir für den Inhalt zuständig. Wir möchten die Humboldt-Box mit den Sonderausstel­lungen als Probebühne nutzen, daneben wird es auch Veranstaltungen, Gespräche und De­batten geben, weil sie ebenso wichtig sind wie die Ausstellungen. Wir haben die ersten Elemente eines Programms zusammengefasst und mit Lavinia Frey über die Humboldt Forum Kultur GmbH ein Team gebildet, das in der Lage ist, ­unsere Entscheidungen umzusetzen.

MJ: Wir werden in Zukunft also auch Konkreteres erfahren, was im Erdgeschoss des Humboldt Forums stattfinden wird?

NM: Weil das Humboldt Forum noch eine Bau­stelle ist, kann dort bislang nur wenig stattfinden. Aber es wird in den kommenden Jahren ­Veranstaltungen anderswo in der Stadt geben, weil Veranstaltungen und Debatten auch Teil des Humboldt Forums sind. Wichtig ist das Wort ­Forum. Das Phänomen in diesem Sinn findet man nur in Deutschland. In Frankreich ist Forum heutzutage etwas rein Kommerzielles. Auf Englisch wir der Begriff fast exklusiv metaphorisch gebraucht, »a forum for debate«, nicht für einen Ort. Dass man einen Ort als Forum bezeichnet – und vor allem diesen Ort im Herzen unserer Stadt –, was bedeutet das? Für uns als Gründungsintendanz ist es ein Ort der Begegnung, den alle Bürger gleichberechtigt besuchen können. Hier soll über die großen Fragen der »res ­publica« debattiert werden. Die Bürger sollen sich hier treffen – zum Spaß und zur Debatte. Die Themen sollen mithilfe der Sammlungen und der Ausstellungen vor Ort aus einer neuen, tie­feren Perspektive betrachtet werden.

MJ: Inwieweit nehmen Sie als Gründungs­intendanz Einfluss auf die Ausstellungen des Ethno­logischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst?

NM: Das ist Teil unserer Aufgabe. Wie kann man diese Sammlungen anders als bisher ausstellen und damit auch andere Themen erforschen? Das ist natürlich von den Objekten abhängig. Wenn man sich etwa mit Ozeanien beschäftigt, kommt man sehr schnell zu Problemen des Klimawandels, des Umweltschutzes. In den kommenden drei Jahren werden wir uns mit den Kuratoren austauschen und mit den Sammlungen befassen – chinesisches Porzellan bietet weniger Gelegenheit, vom Klimawandel zu sprechen, wohl aber vom technologischen Austausch oder dem Kult der Schönheit. Die Dauerausstellung wird ständig im Wandel sein. Nicht nur, weil man in jedem Saal Dinge verändern kann, sondern weil es auch dort immer auch Bereiche für kleine Wechselausstellungen gibt.

MJ: Sie sprechen häufig davon, dass Sie vom Objekt ausgehen und damit eine Geschichte erzählen. Bei der Ausstellung »Extreme! Natur und Kultur am Humboldtstrom« setzen Sie in größerem Umfang Medien ein. Ist dies exemplarisch für das, was folgen wird, oder dem Thema geschuldet?

NM: Die Humboldt-Box ist eine Probebühne. Was wir als fortdauernde Herangehensweise sehen, ist die Interdisziplinarität. Was geschieht, wenn man eine archäologische Sammlung mit den Kollegen aus dem Naturkundemuseum, dem Botanischen Garten und der Humboldt-Universität erforscht? Für alle Kuratoren war das überraschend. Wie sie ihre Sammlungen verstehen, ist auch für das Publikum das Interessante. Für die Ausstellung »Extreme!« schienen uns Medien­installationen wichtig, aber in so großem Umfang kann man sie sich kaum in einer Dauerausstellung vorstellen. In einer Wechselausstellung und für solche Themen jedoch schon. Der Einsatz hängt auch damit zusammen, dass uns nur die vergleichsweise kleinen Flächen in der Humboldt-Box zur Verfügung stehen.

MJ: Ihr Anspruch ist auch das Humboldt’sche Ideal von Bildung durch Selbstbildung. Wie schafft man es, den verschiedenen Öffentlichkeiten und Publika ihren Interessen entsprechende Informationen in ganz unterschiedlicher Tiefe bereitzustellen?

NM: Das ist die Herausforderung der kommenden Jahre. Die Staatlichen Museen zu Berlin und das Stadtmuseum versuchen dies schon seit ­Langem und haben große Erfahrungen in diesen Bereichen. Natürlich wird es Schulprogramme und Veranstaltungen unterschiedlicher Art geben. Für unsere nächste Ausstellung zum Thema Schutz der Kinder arbeiten wir eng mit dem Stadtmuseum zusammen und werden genau das versuchen – allen Besuchern zu erlauben, da anzufangen, wo sie sich befinden.

MJ: Sie schlagen vor, die geplante Fachbibliothek im Humboldt Forum durch eine Humboldt ­Akademie zu ersetzen. Muss man Abitur haben, um diese Akademie mit Gewinn zu nutzen?

NM: Nein, überhaupt nicht. Modell sind die »Kosmos«-Vorlesungen von Alexander von Humboldt, in die alle kamen, wirklich alle. Das war für die Welt der wissenschaftlichen Kultur in ganz Deutschland und Europa erstaunlich. Die Vor­lesungen waren kostenlos, und es kamen Leute aus allen Schichten der Gesellschaft und auf allen Ebenen der Bildung und der Ausbildung. Sehr wichtig ist genau das: Alle sollen etwas aus diesem Haus mitnehmen. Es soll vermittelt werden, dass Sammeln, Forschen und Vermitteln in Berlin immer zusammengehört haben, das ist einzigartig. In Paris und London war das immer mit internationalem Handel oder internationalen Kriegen verbunden. In Berlin war die Kolonialzeit eine sehr kurze Epoche in der Geschichte der Sammlungen, sie sind zum großen Teil wissenschaftlich konzipiert. Wozu diese Sammlungen? Wie kann man damit die Welt besser verstehen? Für wen sind sie da? Solche Themen hoffen wir in der Humboldt Akademie zu verhandeln.

MJ: Spielt dabei auch das Konzept des Laien­wissenschaftlers eine Rolle – Bürger als Teil der wissenschaftlichen Forschungsgemeinschaft, wie in den Naturwissenschaften zum Beispiel?

NM: Die Idee der Humboldt Akademie ist, dass alle Besucher in der Humboldt’schen Tradition stehen; alle Besucher sollen die Gelegenheit haben, sich als Forscher und Erforscher weiterzubilden und dadurch zur Wissenschaft beizutragen. Es gibt in Großbritannien zum Beispiel mehr als eine Million Menschen, die regelmäßig Vögel beobachten und darüber berichten. Schön wäre es, ein solches Phänomen auch in den Kulturwissenschaften zu finden.

MJ: Wird die Vermittlung im Humboldt Forum aus einer Hand erfolgen oder entwickelt jeder Nutzer und Partner eigene Angebote?

NM: Nein, das muss aus einem Guss sein, und wir haben die große Chance, mit Paul Spies zusammenzuarbeiten. Die Entscheidung Berlins, die Zentral- und Landesbibliothek im Humboldt Forum durch die Berlin-Ausstellung zu ersetzen, war für uns ganz entscheidend, sie erlaubt uns, die Beletage als eine Etage für die Öffentlichkeit zu denken – mit der Humboldt-Universität, den Staatlichen Museen und dem Land Berlin. Das muss aus einem Guss sein, man darf überhaupt nicht das Gefühl haben, »you are now leaving the Berlin sector«.

MJ: Sehen und denken Sie das ganze Humboldt Forum vor allem aus der Sicht der Besucher?

NM: Das ist ein sehr wichtiger Teil unserer Auf­gabe. Wie werden die Besucher dieses Haus er­leben? Die meisten ausländischen Besucher werden den Namen Humboldt nicht kennen. Wo werden sie die Brüder kennenlernen und wichtiger, wo werden sie verstehen, dass die Brüder Humboldt für die moderne Welt so wichtig sind, wichtiger denn je? Wie kann man in diesem Geist die Sammlungen und die Wechselausstellungen besuchen? Die Bedürfnisse der Besucher sind für uns primär.

MJ: Zu dieser Herangehensweise passt die Forderung, dass der Eintritt ins Humboldt Forum frei sein soll.

NM: Das ist unser Vorschlag, damit alle Bürger gleichberechtigt sind. Wir wissen, dass die finanzielle Schwelle eine Hürde ist, vor allem für Leute, die nicht die Gewohnheit haben, ins Museum zu gehen.

MJ: Würden Sie, um diesen freien Eintritt zu ermöglichen, auch eine teilkommerzielle Nutzung im Erdgeschoss hinnehmen, durch Kongresse etwa?

NM: Es gibt bislang kein finanzielles Modell für das Haus, das ist eine politische Entscheidung und muss zwischen Land und Bund ausgehandelt werden. In anderen Ländern ist der kostenlose Eintritt zu den Sammlungen, also zu den Dauerausstellungen, normal, und man bezahlt für Sonderausstellungen. Das ist in London so, aber auch in Australien, in den Vereinigten Staaten. Das wäre eine Möglichkeit. Im Humboldt Forum gibt es selbstverständlich auch Restaurants, Cafés, Läden und Veranstaltungsräume. Ich nehme an, Theater oder Kino wird man bezahlen müssen. Denkbar wäre auch, dass dort Kongresse stattfinden. Das wäre das Modell des British Museum. Das Haus ist seit 250 Jahren kostenlos zugänglich, aber es gewinnt auf anderem Wege Geld. Diese anderen Nutzungen bringen auch andere Besucher, die das Haus nicht kennen. Wir haben es als Modell in Erwägung gezogen, das wird als politische Entscheidung in den kommenden Jahren auch eine Frage der Kultur des Ganzen. Das finanzielle Modell hängt natürlich eng mit dem Verwaltungsmodell zusammen.

MJ: Das Humboldt Forum soll ein offenes Haus mit sechs Eingängen sein. Das Centre Pompidou wurde ursprünglich ebenfalls als offenes Gebäude geplant. Dann kam das Jahr 1968, danach wurde es mit nur einem einzigen Eingang realisiert. Das Berliner Schloss wurde nach den Attentaten Ende des 19. ​Jahrhunderts für die Öffentlichkeit ebenfalls geschlossen. Angesichts der Sicherheitslagen heute stellt sich die Frage, wie man mit sechs Eingängen umgeht. Oder sind es sechs Zugänge?

NM: Das ist eine wichtige Frage. Aber so ist es ­geplant, die Idee ist, dass das Haus offensteht. Der Schlüterhof soll als Herz funktionieren, als Piazza. Das ist für das Konzept wichtig, er soll als Forum dienen, dort sollen sich die Leute treffen können, um sich zu vergnügen und zu debattieren. Es gibt Cafés und Restaurants und hoffentlich vor allem im Sommer Musik, Kino, Filme. Aber Sicherheitsfragen sind natürlich immer wichtig.

MJ: Sie haben für das ganze Haus Interventionen zur Geschichte des Ortes vorgeschlagen. Wie muss man sich das vorstellen? Hat dies Aus­wirkungen auf das geplante Museum des Ortes?

NM: Wir gehen davon aus, dass für die meisten Besucher die Geschichte des Ortes, die ­Geschichte Berlins im 19. ​und 20. ​Jahrhundert höchst interessant ist. Der archäologische Keller war als Museum des Ortes vorgesehen, das bleibt natürlich. Daneben gab es zwei weitere Orte, einen Raum beim Eosanderportal und den Skulpturensaal auf der Ostseite.

Wir wissen noch nicht, wo die Besucher ankommen, wo die Busse stehen werden, das ist ein Problem. Es ist schwierig, dann schon ein ­Leitsystem zu konzipieren. Wir hoffen, dass der Skulpturensaal weiterhin für das Museum des Ortes vorgesehen bleiben kann. Da der Raum beim Eosanderportal sehr klein und schlecht ­gelegen ist, würden wir stattdessen gern einen ­größeren Saal zwischen Portal I und II nutzen. Wir wissen noch nicht, ob das machbar sein wird und ob wir das Geld dafür bekommen. Wir würden dort eine Videoinstallation zur Geschichte des Ortes zeigen – in wenigen Minuten vom ­Mittelalter bis heute. Dabei würde man Augenblicke, Objekte, Persönlichkeiten erwähnen, die der Besucher später im Haus wiederentdecken könnte. Wir haben mit den Kollegen vom Deutschen Historischen Museum, vom Stadtmuseum und den Preußischen Schlössern und Gärten schon eine Liste von Objekten erstellt. Hier und da muss man natürlich den Ort respektieren. Der Liebknecht-Balkon kann nur der Liebknecht-Balkon sein, da muss es etwas geben. Friedrich der Große müsste nicht unbedingt in einem Saal ­gezeigt werden, in dem er gewirkt hat, das wird flexibel umgesetzt. Sehr wichtig ist die Geschichte des Palastes der Republik, die war bisher kaum vorgesehen. Denkbar wäre, dass sich in den Cafés, den Restaurants auch Objekte befinden.

MJ: Auf einer Tagung im November hielt der Historiker Stefan Wolle einen Vortrag mit dem Titel »Der Palast der Republik als inszenierte Utopie«. Ist das Humboldt Forum die inszenierte Utopie des modernen Museums?

NM: Nein, weil es in der Utopie keine Probleme gibt. Der Ausgangspunkt des Humboldt Forums ist, dass es sehr große Probleme für die Gesellschaft und die Welt gibt und wir überhaupt nicht in einer Utopie leben. Dort soll man sich fragen, wie wir zur Utopie kommen.

MJ: Haben Sie den Anspruch, das Museum neu zu erfinden? Ist das, was Sie entwickeln, etwas komplett Neues?

NM: Nein, ich glaube vielmehr, wir kehren zur Aufklärung zurück. Daher ist die allererste Frage: Wozu die Sammlungen und wozu die Häuser? Die Idee der Aufklärung war, Sammlungen anzulegen, die die Welt als ein Ganzes verständlich machen. Weil sich die Wissenschaften und Sammlungen so stark entwickelten, kam es zu einer Fragmentierung, einer Spezialisierung in unterschiedliche Museen und universitäre Disziplinen. Seit den letzten 20 oder 30 Jahren versuchen Leute in aller Welt, wieder interdisziplinär zu arbeiten, weil wir jetzt die Verbundenheit, die Verflochtenheit der Welt so stark erleben.

Das zweite aufklärerische Grundprinzip war es, »citizens« auszubilden. Das lässt sich auf Deutsch schwierig sagen, weil bei »Bürger« immer »Bourgeoisie« mitschwingt. Es geht um alle, alle Bürger der Stadt und alle Staatsbürger: Die Idee war immer, dass man nicht nur »citizens« ausbildet, sondern »citizens of the world«. Mit dem Nationalismus des 19./20. ​Jahrhunderts ist diese Idee in vielen Ländern verloren gegangen. Sie ist heute aber wichtiger denn je. Wir versuchen nicht, das Museum neu zu denken, wir versuchen, den Forumsaspekt, den gesellschaftlichen Aspekt des Museums erneut lebendig zu machen. Die Frage ist, welche Rolle ein Museum im Leben der Stadt spielen soll, für alle, die die Stadt bewohnen.

Neil MacGregor ist Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt Forums.

Die Fragen stellten Nadja Mahler, Nina Szymanski und Torsten Wöhlert.

 

 

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