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Chancen und Tücken der digitalen Bildungsarbeit im Museum

Wie viele Kulturinstitute hat es auch die Museen in der Corona-Krise hart getroffen. Wo einige jetzt wieder für Besucher*innen ihre Pforten öffnen, halten andere sie vorsichtshalber noch geschlossen. Der Shutdown zwang sie alle fast zwei Monate dazu, dicht zu machen. Nicht ganz jedoch, denn viele Museen glänzten mit originellen Ideen, um im Bewusstsein der Menschen zu bleiben.

Davon berichtet die Sonderausgabe "Corona-Issue" des MuseumsJournals. Der folgende Artikel zeigt, wie digitale Kultur- und Museumsvermittlung eine Lösung darstellen kann.

Die Lage der Museen ist kritisch. Wegen der Schließungen fällt es vielen schwer, ihrem Bildungsauftrag nachzukommen. Besonders hart trifft es die freien Mitarbeiter*innen im Bildungs- und Vermittlungsbereich, die für die Museums- und Kulturvermittlung sehr wichtig sind. Ein Gespräch mit Paolo Stolpmann, Leiter unseres Museumsdiensts Berlin, und Kolja Kohlhoff, die als selbstständige Bildungsreferentin für verschiedene Museen arbeitet.

Herr Stolpmann, was hat sich für die Kunst- und Kulturvermittlung geändert und vor welchen Herausforderungen stehen Sie nun?

PAOLO STOLPMANN: Als ein zentraler Dienstleister für die Kulturinstitutionen der Hauptstadt beauftragt der Museumsdienst ungefähr 200 selbstständige Referenten im Bildungs- und Vermittlungsbereich für aktuell 13 Museen, Ausstellungshäuser und Gedenkstätten. Deren Angebote reichen von Führungen und Workshops über Seminare bis hin zu Vorträgen und richten sich an diverse Gruppen, eine Vielzahl davon sind Schulklassen. Unsere Aufgabe ist die Organisation und Koordination dieser jährlich über 10 000 Bildungsveranstaltungen. Wir sind zugleich Schnittstelle zwischen den Institutionen, den freien Referenten und den Kunden, die bei uns eine Führung oder einen Workshop buchen. Wegen der Schließung der Museen mussten wir von einem Tag auf den anderen bislang mehr als 2500 Veranstaltungen absagen. Das trifft natürlich vor allem unsere freien Referenten hart, die ihre Aufträge ersatzlos verloren haben.

Frau Kohlhoff, Sie sind eine der vielen Selbstständigen, die in der Vermittlungs- und Bildungsarbeit unter anderem für den Museumsdienst arbeiten. Wie sah Ihre Arbeit vor der Krise aus?

KOLJA KOHLHOFF: Ich habe viel mit Schulklassen und der Freien Universität zusammengearbeitet. Mit der Schließung der Museen und Schulen war das aber vorbei, und auch die Workshops, Seminare und Museumsführungen hatten sich erledigt. Ich bin dann gezwungenermaßen in unbezahlten Urlaub gegangen. Die Panik, wie es weitergeht, kam kurz darauf.

Diese Problematik beschränkt sich nicht auf Berlin, weltweit mussten unzählige Museen schließen und haben damit vor allem ihre freien Mitarbeiter*innen in finanzielle Nöte gebracht. Wie kann man jetzt Abhilfe für die Kulturvermittler*innen schaffen?

PAOLO STOLPMANN: Einige Museen beauftragen Online-Führungen über Live-Streams oder filmen Ausstellungsrundgänge. So erhalten die Vermittler trotz geschlossener Häuser weiterhin Aufträge über uns, wenn auch nur sehr wenige. Damit bleibt auch das Publikum am Ball, und die Museen können ihrem Bildungsauftrag nachkommen. Bestenfalls erschließen sie mit den digitalen Angeboten sogar neue Zielgruppen. Wirklich nachhaltig sind diese Online-Vermittlungsangebote allerdings nur, wenn die Programme der Museen in Zukunft auch digital konzipiert werden und nicht eins zu eins das in den digitalen Raum transferieren, was sich zuvor analog abgespielt hat. Kulturvermittlung von Angesicht zu Angesicht ist sicher nur zu einem gewissen Grad durch digitale Angebote zu ersetzen, der dialogische Austausch ist derzeit nur schwer möglich, die sinnliche Erfahrung fehlt.

Sie sind aber immerhin ein kleines Licht im Dunkel. Frau Kohlhoff, Sie haben Museumsführungen per Instagram gemacht. Wie darf man sich das vorstellen?

KOLJA KOHLHOFF: Ich habe für die Berlinische Galerie erst gemeinsam und dann im Wechsel mit einem Kollegen insgesamt drei Live-Instagram-Führungen gemacht. Das lief so ab, dass mich eine Kollegin dabei gefilmt hat, wie ich im leeren Museum die Kunstwerke für die Kamera präsentiert habe. Das Video konnte dann 24 Stunden auf dem offiziellen Instagram-Kanal der Berlinischen Galerie angesehen werden. Diese Form der Führung war eine Umstellung für mich, denn mein Gegenüber war die starre Kamera. Es gab keine Überraschungen, keinen unerwarteten Verlauf durch die Reaktionen der Teilnehmer. Die Kommunikation auf Instagram ist eine ganz eigene, durch Zeichen, Grüße und so weiter. Die Fragen der Zuschauer hat parallel eine Kollegin im Büro beantwortet, da ich ja nicht gleichzeitig vor und hinter der Kamera sein konnte.

Wie viele Zuschauer*innen hatten Sie?

KOLJA KOHLHOFF: Genau kann ich das nicht sagen. Beim ersten Mal waren es an die eintausend Zuschauer, von denen 130 bis zum Ende der Führung dabeigeblieben sind. Das große Interesse war für uns überraschend. Auch bei den weiteren Terminen blieben ungefähr einhundert Leute bis zum Ende dabei. Es erreichten uns Kommentare aus London, Krasnojarsk, Wien, Zagreb und New York. Obwohl der direkte Austausch fehlt, sehe ich die Reichweite dank Instagram auch als Chance. Das Feedback war insgesamt sehr positiv. Viele haben sich mehr solcher Auftritte gewünscht.

Welche Chancen bietet die digitale Vermittlung in der Zukunft generell? Was kann man aus der Krise mitnehmen?

KOLJA KOHLHOFF: Ich denke, der direkte Austausch bei einer Führung und zu den dabei gezeigten Kunstobjekten ist durch nichts zu ersetzen. Die Digitalisierung etwa mit Instagram-Führungen kann nur eine Ergänzung sein.

PAOLO STOLPMANN: Unabhängig davon, ob ein Museum wegen der Pandemie geschlossen oder regulär geöffnet ist, bleibt die Vermittlung im digitalen Raum für das klassische Museumspublikum gewiss eine unbekannte Erfahrung. Aber viele jüngere Menschen, die womöglich selten ins Museum gehen, könnten so einen neuen Zugang zur Kunst bekommen.

Die Museen werden nur langsam wieder öffnen. Was hat das für Konsequenzen für die freien Mitarbeiter*innen im Museumsbereich?

KOLJA KOHLHOFF: Fast der gesamte Vermittlungsbereich, bis auf die leitenden Angestellten der Kulturinstitutionen, arbeitet im prekären Bereich. Das heißt: Keine soziale Absicherung und auch sonst keine Sicherheiten. Nach Schließung der Museen waren alle erst einmal ohne Auftrag und damit ohne Verdienst. Ich spreche aus einer privilegierten Situation, da ich aufgrund von Schulpartnerschaften und der neuen digitalen Formate Aufträge erhalten habe; diese sind aber überhaupt nicht mit der Situation vor der Schließung der Museen vergleichbar. Grundsätzlich sind alle Kolleginnen und Kollegen existenziell bedroht. Wenn sie nicht durch ihre Lebenspartner oder Familien unterstützt werden, müssen sie Grundsicherung beantragen. Auch die Soforthilfe des Berliner Senats hat in diesem Zusammenhang Abhilfe geschaffen. Bedenkt man aber, dass sie auf mehrere Monate berechnet ist, dann reicht das gerade einmal für die Miete.

PAOLO STOLPMANN: Ich finde, es ist auch eine Frage der Wertschätzung, dass man den Selbstständigen im Bildungs- und Vermittlungsbereich jetzt unter die Arme greift. In einem ersten Schritt hat das Soforthilfeprogramm der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa das auch getan. Aber die Tatsache, dass viele in der aktuellen Situation womöglich Grundsicherung beantragen müssen, kratzt an ihrer Würde. Diese vielen sind aber eine wesentliche Säule der Museumsarbeit und das Rückgrat der kulturellen Bildung. Hier fehlt es noch an nachhaltigen Konzepten.

Frau Kohlhoff, wie geht es jetzt bei Ihnen weiter?

KOLJA KOHLHOFF: Ich hoffe, es geht weiter! Das hängt ganz davon ab, in welcher Form die Museen wieder öffnen.

Der Autor des Beitrags ist Boris Messing, Redakteur bei Kreativ Kultur Berlin, Creative City Berlin und Crowdfunding Berlin.

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