Behind The Doors: Tim Sandweg von der Schaubude Berlin

Was passiert hinter Deiner Tür, woran arbeitest Du?

Ich bin künstlerischer Leiter der Schaubude Berlin, dem Produktionshaus für zeitgenössisches Figuren- und Objekttheater und sorge für ganz verschiedene Dinge, die hier anfallen. So ein Theater ist ja ein sehr lebendiger Organismus und bei uns kommt hinzu, dass wir als Produktionshaus nicht selber produzieren oder inszenieren, sondern dass wir größtenteils mit der freien Szene zusammenarbeiten. Sowohl in Berlin, als auch national und international. Hinter meiner Tür passiert also ganz viel Programmplanung. Ganz oft sitze ich auch gar nicht hinter dieser Tür, weil ich irgendwo hinfahre und mir Dinge anschaue oder mit Künstlerinnen und Künstlern rede. Wenn ich aber da bin, passiert hier ganz viel Konzeptarbeit, ganz viel darüber Nachdenken, was wir mit diesem Theater machen wollen und wo diese Kunst eigentlich hingeht. Sobald ich aus meinem Büro in die Schaubude heruntergehe, passiert natürlich ganz viel Theater hinter der Tür. Wir spielen fast jeden Tag, das Haus ist voll und ganz unterschiedliche Altersgruppen schauen sich bei uns die Vorstellungen an.

Wo warst Du beruflich vorher unterwegs? 

Ich habe an der Freien Universität Theaterwissenschaft und Deutsche Philologie studiert. Das habe ich gemacht, um herauszufinden, was ich eigentlich vom Theater will. Mich interessiert Theater, was einen sehr starken Material- und Bilderbezug hat, was nicht von der Sprache oder dem Gesang herkommt. Insofern war es klar, dass ich im Bereich Figuren-, Bilder- und Medientheater zusammen mit Performance und Tanz bleiben will. Nach dem Studium war ich 5 Jahre lang am Puppentheater in Magdeburg. Das war eine sehr spannende Zeit, weil ich dort sehr viel machen und ausprobieren konnte. Ich war dort Dramaturg und später auch ko-künstlerischer Leiter des dortigen internationalen Festivals „Blickwechsel“ und habe ganz viele Produktionsdramaturgien gemacht und auch Reihen betreut, habe Gastspiele mit ausgesucht und auch selbst Projekte gemacht. Danach war ich ein Jahr freiberuflich in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen tätig und habe parallel die Schaubude vorbereitet. Tja und seit 2015 bin ich hier!

Bei der Schaubude hat sich optisch ein wenig was verändert, euer Logo ist neu – war es einfach an der Zeit für einen neuen Anstrich oder hat sich auch sonst etwas verändert?

Wir haben die letzten drei Jahre langsam angefangen, eine Menge auszuprobieren. Das Festival „Theater der Dinge“ gibt es jetzt jedes Jahr, wir haben neue Künstlerinnen und Künstler reingenommen, wir haben den Fokus auf die Fragen, die die Digitalisierung mit sich bringt ins Programm genommen, Das ist zum Beispiel etwas, woran wir uns hier noch abarbeiten und etwas, das mich einfach beschäftigt. Wir haben neue Formate wie den dystopischen Salon ausprobiert, ein fortlaufendes Diskursformat oder machen auch gerade eine Reihe mit Improvisation und Objekten. Wir haben relativ viel ausprobiert und in diesen drei Jahren festgestellt, dass sich etwas entwickelt hat, bei dem wir dachten, dass es an der Zeit wird, das auch mal im Erscheinungsbild abzubilden. Und jetzt nach 25 Jahren Schaubude ist es ein guter Zeitpunkt um sich zu fragen, wie wollen wir weiterhin aussehen? So ist es zum neuen Logo gekommen, welches genau diese Mischform aus einerseits handgemachtem Theater und andererseits einem digitalen Schwerpunkt und deren Wechselverhältnis darstellt. Dieser sehr schwer zu greifende Raum Schaubude mit seinen vielen unterschiedlichen Dingen – all das wollten wir in der neuen Erscheinung darstellen. Und auch um mit einem größeren Selbstbewusstsein dastehen.

Bei Behind The Doors schauen wir für gewöhnlich hinter die Türen der Kulturprojekte im Podewil – erklär doch mal kurz, wie es kommt, dass wir heute vor Deiner Tür an anderer Stelle stehen.

Die Schaubude Berlin ist eine Einrichtung der Kulturprojekte Berlin, unsere Geschäftsführung ist dieselbe, auch wenn wir künstlerisch autonom sind, ähnlich wie die Transmediale. 

Bald findet das Theater der Dinge statt, was passiert da? 

Das Theater der Dinge ist ein Festival für Figuren- und Objekttheater, das seit 2016 jährlich stattfindet. Jedes Jahr beschäftigen wir uns dort mit einem Programmschwerpunkt, der in diesem Jahr „Von der verlorenen Zeit“ lautet. Jetzt könnte man bei dem Titel und 25 Jahren Schaubude auf Nostalgie kommen, aber dem ist nicht so. Es war aber sehr offensichtlich in der Sichtung von Inszenierungen und in den Gesprächen mit Künstlerinnen und Künstlern, das viele sich gerade mit der Erinnerungskultur beschäftigen. Das Objekt hat einen hohen Stellenwert in der Erinnerungskultur, Museen sind ja voll von Dingen, was anderes ist ja auch nicht übrig. Das ist ästhetisch naheliegend, hat aber natürlich auch mit der politischen Situation zu tun, in der wir viele Identitätsdiskurse haben, natürlich von partikularer, aber auch nationaler Ebene haben und die hängen auch immer irgendwie mit Geschichtsschreibung zusammen. Es hat uns insofern interessiert, als dass wir in Berlin sind und einen Blick auf die deutsch-deutsche Teilungsgeschichte geworfen haben. Geschichte wird ja immer von den Gewinnern geschrieben und das war ja die Bundesrepublik. Da waren Fragen, die uns und auch die Künstler*innen beschäftigt haben und zu denen viele Inszenierungen eingeladen sind, die das Bild erweitern und auch die Geschichten zeigen, die vielleicht in Vergessenheit geraten sind. Es wird auf der Bühne alles Mögliche geben: Objekte, wie Alltagsgegenstände der DDR, genauso wie Fotoalben, der Nachlass einer mittlerweile völlig in Vergessenheit geratenen polnischen Op-Art-Künstlerin, aber auch Puppen in verschiedenster Form. Ich bin dieses Jahr sehr zufrieden mit dem Programm. 

Gibt es für Dich persönliche Highlights, auf die Du Dich beim Theater der Dinge freust? 

Wir haben 16 Projekte hier in die Schaubude eingeladen, also Inszenierungen, Installationen, Ausstellung – wir sind das Festivalzentrum, aber wir werden auch im Podewil spielen und wir haben noch eine Außenspielstätte, einen Weinsalon in Friedrichshain. Mit persönlichen Highlights tue ich mich bei der Fülle daher sehr schwer! Was mir ästhetisch sehr nah ist, ist am Sonntag im Podewil zu sehen und nennt sich Bildraum“. Das ist ein belgisches Duo, ein Architekt und eine Fotografin, und es geht um Zeit und Erinnerung in einer ganz anderen Form. Sie machen Stills von leeren Räumen, also bringen Miniaturmodelle auf die Bühne, die dann fotografisch gezeigt werden und somit einen wahnsinnig großen Imaginationsraum und große Freiheit für das Publikum entstehen lassen. Eine andere Arbeit, die mich in der Vorbereitung sehr lange beschäftigt hat, ist am Dienstag im Podewil zu sehen und heißt „Chronik der Zukunft“. Das Stück basiert auf der literarischen Reportage von Swetlana Alexijewitsch, die sich mit der Tschernobyl-Katastrophe beschäftigt hat. Das ist eine sehr intensive Arbeit, weil die Schauspielerin, die das inszeniert hat, am Tag der Tschernobyl-Katastrophe geboren wurde und immer damit konfrontiert wurde. Jetzt wollte sie ihre persönliche Biografie und das katastrophale Ereignis thematisieren. Eine Arbeit, die mich konzeptionell sehr beeindruckt in seiner Vielschichtigkeit. Auf der Bühne stehen ein Puppenspieler, eine Schauspielerin und ein Musiker. 

Danke an Tim Sandweg für einen Blick hinter seine Tür!

Das internationale Festival Theater der Dinge findet vom 9. – 15. November 2018 statt. 

Das Gespräch führte Saskia Wichert, die als freischaffende Autorin für unseren Kulturprojekte Berlin-Blog tätig ist.

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