Creative City Berlin goes international

 

Wir haben es wieder getan - wir waren mit Creative City Berlin 2018 in der großen weiten Welt unterwegs und haben namhafte Konferenzen und Festivals besucht: diesmal in Zürich, Stockholm und Barcelona. Wir sagen: toll war's. Machen wir wieder.

Ein Erfahrungsnachbericht von Jens Thomas, Chefredakteur der Plattform Creative City Berlin

Zürich hat etwas, das Berlin nicht hat: da wäre zum Beispiel die kaum überschaubare Bankdichte und das beschlichene Gefühl, dass in der Stadt mehr Hotels existieren als keine. Berlin hat aber auch was, was Zürich nicht hat: beinah 200 Museen, rund 150 Projekträume, über 400 Galerien und und und. Das gleiche gilt für Stockholm mit ihren 960.000 Einwohnern und dem flanierfreundlichen Charme im Stadtkern, der es problemlos möglich macht, binnen weniger Minuten von A nach B zu kommen - in Berlin undenkbar. In Barcelona zieht wiederum das mediterrane Antlitz der katalanisch-spanischen Metropole Besucher unentwegt in ihren Bann. Gründe gibt's genug, diese Städte einmal zu besuchen. Und man weiß manchmal gar nicht, wo man es besser aushalten könnte.

So kam es dann, dass wir 2018 mit der Plattform Creative City Berlin - Berlins Portal für Künstler, Kulturschaffende und die Kreativwirtschaft - in gleich allen drei besagten Städten zugegen waren: als Partner von namhaften Festivals und Konferenzen. Unterwegs mit Berliner Partnern, mit Konzepten unterm Arm und Infomaterialien im Gepäck. Als erstes verschlug es uns nach Zürich zum Forward Festival, im Anschluss nach Stockholm zum Music Tech Fest, last but not least nach Barcelona auf das "International Meeting of Independent Performing Arts Producers". In allen drei Städten präsentierten wir die Kulturprojekte Berlin und Creative City Berlin als Plattform. Wir referierten zu zentralen Themen, wir vernetzten uns und andere. Die Idee: Berliner Konzepte in andere Städte tragen, die Welt lernt von uns, wir lernen von der Welt. Man nennt das win-win.

Erste Station Zürich: Ganz schön bunt hier!

Berlin, 1. Juni 2018, es geht los. Das erste Ziel ist das Forward Festival in Zürich. Mein erster Gedanke: Schon wieder ein neues Get-together für Design-Thinking-Oberflächennutzung-Designmanagement-Sustainabiltiy-Future-Vision-Design-4.0? Und im Grunde ist das Forward Festival genau das: Ein Agglomerat neuer Ideen. Ein Abbild an Trends und Entwicklungen, die von Design ausgehen, die aber auch Design verändern. In Kooperation mit dem IDZ (Internationales Design Zentrum Berlin) und zusammen mit Professor Alexander Tibus von BAU International Berlin leiten wir am zweiten Tag des Festivals das Panel über Berlin-Design-City. "Design aus Berlin: Neue Trends, neue Möglichkeiten, neue Wege", so der Titel. Vor uns sitzen Mittzwanziger, Mittdreißiger mit Drei- oder Dreißigtagebart, Visionäre, die es wissen wollen und Experten, die es schon lange wissen. Schnell wird klar: Neben User Experience ist Nachhaltigkeit das dominierende Thema der letzten Jahre und wird es wohl auch bleiben. Ging es vor Jahrzehnten noch um die "schöne Form" einer Objektkultur und darum, dass Design aufhübscht, was es aufzuhübschen gilt, nehmen heute neben Aspekten der Funktionalität und Lösungsorientierung die soziale und ökologische Verantwortung immer mehr zu. Im Städtevergleich ist Berlin dennoch nicht Zürich. Während der Züricher Markt vor allem (auch) von den großen Playern bespielt und dominiert wird, triumphiert in Berlin das experimentelle Kleinteilige: Nahezu jeder zweite Designer ist in Berlin solo-selbständig. Kleine Labels sprießen zwischen Prenzelhain und Treptow-Marzahn im gefühlten Sekundentakt aus den zahlreichen Green Hubs und Social Spaces - hier wird Zukunft gemacht, in Zürich wird sich vor allem etabliert. Das Fazit der ersten Tour: Zwei Tage volles Programm. Insgesamt über 20 Panelisten. Design ist einfach alles. Schön. Schlimm. Genial. Brauchbar. Kann auch Kunst sein und manchmal weg - weiter geht's.

Zweite Station Stockholm: Ganz schön laut hier!

Unsere zweite Reise führt uns nach Stockholm, diesmal zum Music Tech Fest. Unterwegs sind wir mit Music Tech Germany. Der Ort: ein etwas abgelegenes universitäres Gebäude. An sieben Tagen treffen hier Bionik-Hacker auf Sounddesigner, digitale Aussteiger auf aufsteigende Digitalisten. Das Music Tech Fest ist kein normales Festival. Es ist ein gigantisches Versuchs- und Kreativlabor an der Schnittstelle von Musiktechnologie, Wissenschaft und Kunst. Hier steht nicht die Wertschöpfungsfrage im Zentrum (darum geht es auch), es geht vor allem um die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen und wie sich der Mensch über die Digitalisierung befreit. Schon der Einlass verspricht ein Konzept: Einer steht lautlos im Raum und macht kryptische Bewegungen, ein anderer produziert einfach nur Lärm. Der erste ist ein junger Herr, der sich hektisch auf der Stelle bewegt, auf seiner Nase klemmt eine Virtual-Reality-Brille, an seinen Handgelenken hat er Technik installiert - damit überträgt er mittels Bewegung Sound auf einen Rechner. Der andere übersetzt Sound eines Kaffeekochens in Echtzeit in brachialen Krach - braucht zwar kein Mensch, ist aber interessant. Und interessant bleibt es auch in den nächsten Tagen. An einem Abend tritt zum Beispiel DJ Arthro auf. DJ Arthro kann weder Arme noch Beine ausreichend bewegen, er sitzt im Rollstuhl. Arthro hat sich sein eigenes Set zusammengestellt, worüber er mit Nase, Zunge oder Stirn die Tastatur bedient und elektronischen Sound erzeugt. Das, was er macht, ist tanzbar. In der Mitte eines Tracks legt er plötzlich mit der Zunge ein Solo hin, die Masse lauscht, ist beeindruckt. DJ Arthro leckt den Bildschirm ab, man sieht kurzweilig nur noch seinen wackelnden Kopf hinter Keyboard und verkabelten Geräten, die Stirn klebt am Rechner. Selten kamen sich Mensch und Technik wohl näher als hier. An anderer Stelle werden eigene Laute mittels neuester Technologie einfach mal auf den Mond gesendet, ja auch das gibt's. Diese Laute landen dann 2,3 bis 2,7 Sekunden später wieder auf der Erde - und sind genau in der Form zu hören sind, wie sie auf dem Mond geklungen haben. Man nennt das "Moon Bouncing", entwickelt hat es die Tüftlerlin Martine-Nicole Rojina. Moon Bouncing ist auf dem Music Tech Fest der absolute Schrei. 68 Mal wird an diesen Tagen gebounced, der Mond hat hier einiges zu tun. Zudem findet das Spektakel in einem ehemaligen Atomkraftbunker 25 Meter unter der Erde statt (Grusel, Grusel). Ein Glück hat Stockholm den Atomausstieg hinter sich.

Dritte Station Barcelona: Jetzt kommt Bewegung ins Spiel!

Unsere dritte Reise verschlägt uns nach Barcelona. Ziel ist dismal das "International Meeting of Independent Performing Arts Producers". In Kooperation mit dem LAFT Berlin, Dachverband Tanz und dem katalanischen Institut für Kulturwirtschaft (ICEC) geht es hier vor allem inhaltlich zur Sache. Das Thema: Die Stellung von Producern und Produktionsbüros im europäisch internationalen Vergleich. Zunächst präsentieren wir die Kulturprojekte Berlin, Creative City Berlin als Plattform, dann werden relevante Fragen aufgeworfen: Wer sind die Producer? Arbeiten die noch oder verdienen die schon? Klar wird: Sie arbeiten mit Passion. Irgendwie sind sie die Labels für die Tanz- und Theatercompanies und Einzelkünstler, irgendwie aber auch nicht. Sie machen eigentlich die ganze Arbeit, verdienen gemessen daran aber zu wenig. "Es gibt bis heute auch weder ein klares Berufsbild noch eine entsprechende Ausbildung in Deutschland", stellt Johanna Bauer vom Performing Arts Programm des LAFT Berlin fest. Ihren Worten lauschen 30 internationale Producer aus allerlei Ländern: aus Belgien, Portugal, Deutschland, Spanien, Frankreich und Großbritannien. Bis auf die Länder Belgien, Großbritannien und Ungarn, wo es klare staatliche Unterstützungsstrukturen für Produktionsbüros gibt, existiert europaweit keine etablierte Finanzierungsstruktur. In Deutschland dürfen die Produzenten nicht mal in die Künstlersozialkasse, wovon gegenwärtig über 190.000 Darstellende Künstler profitieren, indem sie den Arbeitnehmeranteil zu den Sozialversicherungs- und Krankenkassenbeiträgen erstattet bekommen. Fazit: Die Lust ist da, ansonsten ist hier gewaltig Luft nach oben.

Unsere "Tour" neigt sich dem Ende entgegen. Zum Schluss sind wir noch in Teressa auf dem legendären TNT-Festival, hier wird ausnahmsweise mal nicht debattiert, hier wird vor allem performt - das muss auch mal sein, wenn schon Kultur, Tanz und Theater auf der Tagesordnung stehen. Zwischen Tür und Angel reden wir noch über das Thema Nachhaltigkeit, auch hier gibt es erste Ansätze. Nadine Becker, 33 Jahre, Produktionsleiterin aus dem Raum Brandenburg, hat schon eine konkrete Idee. Sie will Human Farity ins Leben rufen, ein Performing-Arts-Label, worüber künftig Abgaben an soziale Zwecke erfolgen. Finde ich toll und wichtig, muss dann aber zum Flughafen. Auf dem Weg denke ich, über Nachhaltigkeit reden, dann aber unökologisch handeln, weil eben fliegen, das ist wirklich Mist. Ich entscheide spontan: Beim nächsten Mal lauf ich. Verlasst euch drauf. Bis zum nächsten Jahr. #weitergehts #frohesfest #kreativenrutsch

Ausführlichere Berichte zu den einzelnen Festivals und Konferenzen findet ihr in den Nachberichten auf Creative City Berlin: Zürich, Stockholm, Barcelona.

Der Autor Jens Thomas ist Chefredakteur von Creative City Berlin.

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