Doppeltes Spiel mit Identitäten

Jill Mulleady und Henry Taylor im Oktogon des Schinkel Pavillons
Ausstellungsansicht, »Jill Mulleady & Henry Taylor – You Me«, Schinkel Pavillon 2024, courtesy the artists, Galerie Neu, Gladstone Gallery, Hudgins Family Collection New York, Hauser & Wirth; Foto: Frank Sperling, 2024
Museumsjournal 2/24
Mit dem 66-jährigen Henry Taylor und der über zwanzig Jahre jüngeren Jill Mulleady treffen im Schinkel Pavillon zwei völlig unterschiedliche malerische Positionen aufeinander

Sehen und gesehen werden – das trifft wohl auf wenige Kunstorte der Stadt so zu wie auf den Schinkel Pavillon. In dem bizarren baulichen Hybrid aus DDR-Moderne und Historismus drängte sich zur Eröffnung mal wieder die gesamte Berliner Kunst-Crowd. Um das Sehen, den Blickwechsel und die Beziehung zwischen dem Gegenüber und dem eigenen Selbst geht es nicht nur bei Vernissagen, sondern diesmal auch in der Doppelausstellung »You Me«. Mit dem 66-jährigen Henry Taylor und der über zwanzig Jahre jüngeren Jill Mulleady sind im Schinkel Pavillon zwei völlig unterschiedliche malerische Positionen einander gegenübergestellt. Anlass für die Schau gab die enge freundschaftliche Verbundenheit beider Künstler sowie ihr gemeinsamer Rückbezug auf kanonische Werke in der Geschichte figurativer Malerei.

 

Die oktogonale Architektur des Pavillons aufgreifend, dominiert eine ortsspezifische Glasskulptur Mulleadys als zentrales Ausstellungselement im Obergeschoss. Je nach Position stören die semi-transparenten Glasflächen die freie Sicht im Raum oder ermöglichen mehrere Perspektiven gleichzeitig. Mal wird der Blick zurückgeworfen und man findet sich in der Position des Betrachters, mal wird man in der Reflexion selbst Teil der Gemälde an den Wänden. Im begehbaren Inneren der Glasinstallation spiegelt sich Mulleadys malerische Darstellung eines weiblichen Aktes, der eine Treppe hinabsteigt. Sie zitiert nicht nur das futuristische Schlüsselwerk Marcel Duchamps (das in Form einer späteren Lithografie im Erdgeschoss zu sehen ist) sowie Gerhard Richters berühmte Antwort darauf, sondern auch eine frühere motivische Variation Henry Taylors, die Richters »Ema« durch einen schwarzen Frauenakt ersetzt. Hier findet der verdoppelte Blick der Glasinstallation gewissermaßen seine Entsprechung in der Malerei, als ein Bild-Zitat im Bild, das, wie zwischen zwei Spiegeln, seine Fortsetzung erfährt. Mulleady reiht sich ein in die lange Tradition der Aktmalerei und reflektiert die eigene Position als Gegenwartskünstlerin. Während die Porträtierte bei Taylor den Blick senkt, schaut Mulleadys Figur dem Betrachter selbstbewusst und beinahe trotzig entgegen, so als suche sie die direkte Konfrontation. Die feministische Filmtheorie prägte in den 1980er-Jahren den Begriff des »Male Gaze«, der eine bestimmte Vorstellung des männlichen Begehrens impliziert, die für viele Filme konstitutiv ist. Auch in der Kunstgeschichte wimmelt es von Darstellungen, in denen weibliche Körper zu Objekten eines männlichen Blicks werden.

 

Die Ausstellung integriert zwei Radierungen von Otto Dix (»Lustmord«, 1922) und Käthe Kollwitz (»Vergewaltigung«, 1907/08), die in aller Drastik jeweils die Situation nach einer Vergewaltigung wiedergeben. Mulleady verarbeitet die Thematik in einer aktuellen Serie von Gemälden, die das private Interieur eines Schlafzimmers als wiederkehrendes Motiv aus unterschiedlichen Blickwinkeln und zu verschiedenen Zeitpunkten zeigt. Das Bett, auf dem eben noch eine nackte Frau zu sehen war, ist auf einem anderen Bild leer. In den zerwühlten, rötlich scheinenden Bettlaken, den verstreuten Glasscherben und Pillen lauert die Tragödie. Mulleady steigert die unheilvolle Ahnung ins Theatrale. Es liegt nahe, die Bildsprache im Zusammenhang mit ihrer Biografie zu lesen: Bevor die Künstlerin zur Malerei kam, absolvierte sie eine Schauspielausbildung in Paris. Wiederkehrende Bildmotive wie Spiegel, Wassertropfen, Lichtreflexe und Fenster deuten auf eine entsprechend alternative Realitätsebene. Auf der Schwelle zwischen Repräsentation und Fiktion verliert sich Mulleadys Malerei in atmosphärischen Andeutungen und inszenierter Bühnenhaftigkeit. Den Ölfarben beigemischte Kupferpigmente lassen viele der Bildoberflächen zart schimmern und spielen mit malerischen Effekten, die gewollt ins Kitschige abgleiten.

 

Dagegen wirken die Werke Henry Taylors unmittelbar und authentisch. Er ist ein Genremaler, der Bilder des täglichen Lebens einfängt und Menschen aus dem eigenen Umfeld gleichermaßen porträtiert wie Personen aus Popkultur und Geschichte. So scheint es nur konsequent, dass in der Ausstellung ein mit schnellem Pinselduktus gemaltes Porträt seines Bruders neben einem Bildnis der ersten afroamerikanischen First-Lady Michelle Obama in Gestalt der übergroßen ägyptischen Göttin Isis hängt. Um überkommene Macht- und Besitzverhältnisse in Bezug auf das kulturelle Erbe geht es in »got, get, gone, but don’t you think you should give it back?« (2023). Dargestellt ist die Tänzerin und Bürgerrechtsaktivistin Josephine Baker, die in den 1920er-Jahren aus den Vereinigten Staaten nach Paris emigrierte. Taylor lässt sie entblößt vor dem Louvre-Museum knien; im Hintergrund erkennt man das British Museum und ein Segelschiff aus dem 19. Jahrhundert. Der Werktitel ist eine klare Anspielung auf aktuelle Debatten über die Rückführung von Raubkunst nach Afrika. Mit dem doppelsinnigen Titel »Forest Fever Ain’t Nothing Like ›Jungle Fever‹« (2023) malt Taylor nicht ohne Ironie Édouard Manets berühmtes Bild »Le Déjeuner sur l’herbe« (1863) nach, das seinerzeit im Pariser Salon des Refusés einen Skandal provozierte. Stein des Anstoßes gab Manets Darstellung einer nackten Frau inmitten zweier vollständig bekleideter Männer. Bei Taylor ist diese Frau ein Mann, alle im Bild Dargestellten sind gleichermaßen halbnackt und selbstverständlich dunkelhäutig. Zusätzliche Elemente wie ein Fußball, eine Limousine im Hintergrund und ein hundeähnliches Wesen transportieren das Setting in die Gegenwart. Immer wieder blickt Taylor in seiner Malerei durch die Linse von Kolonialismus, Rassismus und Gender auf dominierende Narrative der westlichen Kunstgeschichte und schreibt sich gewissermaßen nachträglich in ihre Leerstellen ein.

 

Abgesehen von einigen inhaltlichen Parallelen bleiben die Werke von Henry Taylor und Jill Mulleady in der Schau eindeutig für sich. Doch selbst wenn »You« und »Me« letztlich kein »We« ergeben, gelingt das Modell einer Doppelausstellung, deren Werke sich im Gegensatz ergänzen. Am Eröffnungsabend im Schinkel Pavillon traf  das selbstreflexive Spiel mit Identität und Eindeutigkeit den Nerv der Zeit. Oder ist auch das nur Projektion?

 

Text – Anne Haun-Efremides

 

Jill Mulleady & Henry Taylor »You Me«

bis 19. Mai 2024

Schinkel Pavillon

schinkelpavillon.de

 

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